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  18.10.2004 | Kulturhauptstadt Potsdam - Preußen, Beverly Hills und die DDR
   
  Villen, Wälder und Seen hat Berlin auch, sogar das ein oder andere Schloß, und doch gerät der Berliner in eine komplett andere Zone, sobald er, von der Zehlendorfer Königstraße her kommend, den Schinkelschen Aussichtspavillon mit aufgesetztem Lysitrates-Denkmal passiert und über die Glienicker Brücke, rechts der Jungfernsee, links der Tiefe See, Potsdam betritt. Es ist die Zone der Schönheit. Auch damit möchte Potsdam Kulturhauptstadt Europas 2010 werden.
   
  Artikel aus "Frankfurter Allgemeine Zeitung" vom 15. Oktober 2004
   
 

"Der Rest der Welt kann ja sein, wie er will, aber hier in Potsdam haben wir eine Verpflichtung der Schönheit gegenüber." Dies hat ein Mann gesagt, dessen Geschäft sogar die Schönheit ist: der Mode-Designer Wolfgang Joop, der in Monte Carlo, New York, Paris und Hamburg lebt - und eben auch in Potsdam, wo er geboren ist und heute mehrere Villen besitzt. Um zu demonstrieren, daß in Potsdam die Wurzeln seines "Stilempfindens" liegen, hat er eine eigene Duftnote namens "rococo" kreiert.

Hart und glänzend wie ein Diamant

Joop ist der Prototyp jener virtuellen Globalgesellschaft, Abteilung Deutschland, die man aus den Medien kennt und die in Potsdam, vorwiegend am Heiligen See, ein Domizil hat: Günther Jauch (RTL), Friede Springer (Springer), Mathias Döpfner (Springer), Nadja Auermann (Star!), Volker Schlöndorff (Film, Babelsberg!), Ulrich Meyer (Sat 1), Wolfram Weimer (Cicero), Wolf Bauer (UFA), auch eine Reihe Zahnärzte und Neurochirurgen, die man nicht aus den Medien kennt, die aber an deren Aura Anteil haben.

Diese Menschen könnten in ihrer allseitigen Vernetztheit überall leben, und wenn sie es hier tun, dann weil sie hier unmittelbar zur Schönheit sind, als deren Inbegriff sie Potsdam schätzen. "Sein wahrer Kern ist hart und glänzend wie ein Diamant", sagt Joop: "unzerstörbar in seiner fragilen Schönheit und Poesie. ,Potsdam, mon amour!'" Wenn Joop, so wird überliefert, amerikanische Freunde durch die Stadt führt, staunen diese: "This is not Germany." Nein, dies ist, so betrachtet, noch nicht einmal eine "Stadt" im landläufigen Sinn.

Nicht nur für die Anwohner

Es liegt auf der Hand, daß eine solche Existenz im Angesicht von Abstraktionen jederzeit mit der dann doch irgendwie vorhandenen Stadt und deren empirisch faßbarer Bevölkerung zusammenstoßen kann. Diese Bevölkerung ließ es sich zum Beispiel bislang nicht nehmen, in den Gärten und Seen, deren sorgsam arrangierte Schönheit von der Unesco 1990 als "Weltkulturerbe" beglaubigt wurde, herumzulaufen, zu picknicken und zu baden, manche sogar nackt. Etwa siebzig der am Heiligen See siedelnden Villenbesitzer schlossen sich daher zu einer Bürgerinitiative zusammen, um solchem Treiben Einhalt zu gebieten, das den Blick auf Marmorpalais, Belvedere und Schloß Cecilienhof doch erheblich behindert.

Ihr Argument gegen das nicht besitzende Volk war letztlich die Schönheit. Sie verstanden sich als Anwälte der Natur wie der Kultur, die von Menschen, die dafür so viel bezahlt haben, nun einmal besser geschützt werden könne als von beliebigen Passanten. "Wir wollen den Leuten erklären, daß der Garten ein Kunstwerk von Weltgeltung ist", sagt auch der (nicht der Initiative angehörende) Direktor des Neuen Gartens: "Und auf einem Gemälde latscht auch niemand umher." Einige der Villenbesitzer spielten sogar mit dem Gedanken, ihre im Grunde doch stillen, am Wochenende aber stark von Touristen frequentierten Straßen sperren zu lassen, wobei ihre Grundstücke eingezäunt und bewacht werden sollten. All diese Vorhaben stießen bei eingesessenen Potsdamern auf Unmut. Oberbürgermeister Jann Jacobs (SPD) wies das Ansinnen zurück, die Benutzung des Weltkulturerbes nur auf die Anwohner zu beschränken.

Posse im Stadtparlament

Der jüngste Konflikt spielt sich zur Zeit am Griebnitzsee ab. Schon als in den siebziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts dort ein Villenviertel entstand, hatte Wilhelm I. vorausschauend gemahnt: "Zur Straßenseite nicht so protzig, damit das Volk nicht unruhig wird." Im Kalten Krieg liefen auf dem Uferweg die DDR-Grenzposten Patrouille. Nach der Wende erklärte die Stadtverordnetenversammlung den Mauerstreifen zum öffentlichen "Erholungsgebiet"; die dort von der DDR enteigneten Villen aber gingen wieder in Privatbesitz über. So wurde der Uferweg nun zwar von Spaziergängern und Joggern bevölkert, aber ein Schild deklarierte ihn als "Privatweg", dessen öffentliche Nutzung nur "freiwillig geduldet" sei. Mehrere Besitzer kündigten an, Privatstege zum Wasser bauen zu wollen und den Weg damit zu unterbrechen. So wuchs sich das Thema "Uferweg" zu einem symbolträchtigen Dauerkonflikt zwischen Stadt und Eigentümern aus.

Um die Situation zu klären, hat das Potsdamer Stadtparlament Ende September beschlossen, das Gelände zwischen Weg und Wasser von der Oberfinanzdirektion zu kaufen, und hat gleichzeitig eine Veränderungssperre erlassen, die den Villenbesitzern den Bau von Privatstegen verbietet. Darauf eskalierte der Streit, und fünf der Villeneigentümer ließen Bulldozer auffahren, die den Weg aufrissen und Barrikaden errichteten. "Ich rufe die Polizei, wenn Sie weitergehen", herrschte ein Posten überraschte Passanten an. Die Polizei kam dann auch, allerdings im Dienst der anderen Seite. Die Stadtverwaltung beauftragte eine Firma, die die Sperren umgehend wieder aufhob. Nun wirft die Potsdamer CDU dem Rest der Stadtverordnetenversammlung "Klassenkampf gegen die Eigentümer" und "quasisozialistische Kompromißlosigkeit" vor. In der Potsdamer Bevölkerung werden dagegen immer vernehmlicher Stimmen gegen die "Zugereisten" laut, womit gemeint ist: die aus dem Westen.

In Sachen Lebensqualität: Platz 1

Tatsächlich haben mehr als sechzigtausend Menschen die Stadt nach der Wende verlassen, und sechzigtausend andere sind gekommen. Insbesondere die meisten Seegrundstücke wechselten den Besitzer. Auch die Nauener Vorstadt nördlich vom Pfingstberg, die wegen ihrer hohen sowjetischen Offiziersdichte früher als "KGB-Viertel" galt, wird jetzt überwiegend von Zugezogenen aus dem Westen bewohnt. Vierzig Prozent der Potsdamer leben dagegen in den sieben Plattenbauvierteln der Stadt, ob am "Stern", in Schlaatz oder Drewitz. Das ist die Ausgangslage für einen basso continuo, den die einen als Neidressentiment und die anderen als zivilgesellschaftliches Engagement verstehen.

"Gut situierte Privatleute dürften nicht aus sozialneidischen Gründen anders behandelt werden als andere Investoren", mahnte etwa der Vertreter einer Maklerfirma, als die Stadt von Kaufinteressenten einer Seevilla verlangte, daß der Uferweg für die Öffentlichkeit zugänglich bleiben müsse. Legendär ist die vergleichende Studie eines Leipziger Instituts über die Lebensqualität in ostdeutschen Städten. Gemäß den untersuchten Daten für Wohnen, Arbeitsmarkt und Wohlstand kam Potsdam auf den ersten Platz. Gemäß der subjektiven, "gefühlten Lebensqualität" aber landete es auf Platz 20.

„Die Herzen brauchen wir”

Das mag daran liegen, daß ein außergewöhnlich hoher Anteil der Potsdamer Arbeitnehmer in der Verwaltung beschäftigt ist, einem traditionell nicht zu spontaner Zuversicht neigenden Daseinssegment. Doch es hat gewiß auch mit der schroff zerklüfteten Struktur der Stadt zu tun, sowohl was ihre soziale als auch, was ihre semantische Zusammensetzung betrifft. Preußen, DDR und Beverly Hills durchdringen sich hier auf einmalige Weise. Das bekommt auch die Bewerbung der Stadt zur Kulturhauptstadt 2010 zu spüren. Das wichtigste Desiderat, das die Funktionäre dieser Bewerbung immer wieder einklagen, ist, "die Herzen" zu gewinnen. "Nicht Zahlen zählen, Herzen brauchen wir", heißt es: "Dann läuft das Ding." Das aber scheint bisher keineswegs sicher zu sein.

Insbesondere der zunächst stark artikulierte Wille, die Bewerbung mit dem Wiederaufbau des Stadtschlosses zu verbinden, nahm viele Potsdamer gegen das Kulturhauptstadt-Projekt ein. "Eine normale Stadt könnte sich das gar nicht leisten", schreibt eine "Christine von Dülmen" auf einem Internetforum (www.kultur2010.de) zur Kulturhauptstadt mit vergiftetem Lob: "Daher sei den Potsdamer Verantwortlichen gedankt, die sich auch von protestierenden Elterngruppen, Sportvereinen, Jugendinitiativen oder Kulturträgern nicht davon abhalten ließ, die richtigen Sparbeschlüsse zu fassen, um das Schloß finanzieren zu können. Man muß halt auch mal Prioritäten setzen können." Ganz unironisch rigoros zeigte sich ein Forumsteilnehmer namens "Bakunin": "Richtig, Potsdam ist schön, aber durch die Menschen, die in dieser Stadt leben, und nicht durch die Machenschaften der Bewerbungsmafia. Wie wäre es, wenn die Potsdamer sich klar positionieren würden . . . über eine Demo . . . und deutlich und laut ,Nein' sagen würden. Das Gemeinwohl hat eine höhere Bedeutung als die Bewerbung."

Königsstadt und Bürgerstadt

Die Chancen Potsdams dürften also zu einem Gutteil davon abhängen, ob die Stadt bei der Integration ihrer antagonistischen Teile Fortschritte macht. Dafür, daß ihr das gelingt, spricht, daß gerade eine solche Fähigkeit zur Integration eine ihrer historischen Besonderheiten ausmacht. Schon der Große Kurfürst, mit dem im siebzehnten Jahrhundert die Geschichte der Residenzstadt begann, siedelte fremde, nämlich holländische Berater, Handwerker, Landwirte, Kaufleute und Künstler hier an. Unter dem Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I., der Potsdam zur Garnisonsstadt machte, nahm die Internationalität dank der mehr oder weniger freiwilligen Rekruten aus Frankreich, Italien, Spanien, Irland, Rußland, Türkei, Schweden und Dänemark weiter zu.

Friedrich der Große schließlich - "was vorher oder nachher kommt, ist Vorbereitung oder Ausklang", schreibt Wolf Jobst Siedler - machte Potsdam zu einem ästhetischen mixtum compositum aller möglichen internationalen Stile, die sich gleichwohl erstaunlich zwanglos zusammenfügten: die Französische Kirche nach dem Vorbild des römischen Pantheon, das Chinesische Teehaus, das Neue Palais, das dem englischen Palladianismus verpflichtet ist. Künstler und Architekten aus vielen Städten und Ländern kamen nach Potsdam, desgleichen Berühmtheiten wie Voltaire und Casanova. Nach derart unterschiedlichen Phasen, sagen manche, könne man im Grunde gar nicht von einer einzigen Stadt sprechen, sondern nur von deren vier: der Königsstadt, der Militärstadt, der Beamten- und Verwaltungsstadt, der Bürgerstadt.

Günther Jauch hat in Restaurierung investiert

Nach der Bombardierung vom 14. April 1945 muß man noch eine Stadt hinzufügen, die vor allem durch die DDR bestimmt ist. Am eindrücklichsten macht sie sich in der Mitte bemerkbar, die der Oberbürgermeister und viele andere so gerne umgestaltet sähen. Es ist ein weiter Kundgebungsplatz der DDR, wo in diesen Tagen gerne die Demonstrationen gegen Hartz IV abgehalten werden. Ein Redner spricht sich entschieden gegen "illegale Beschäftigung von Ausländern" aus und fordert eine zeitlich befristete Sonderwirtschaftszone im Osten mit Einfuhr- und Überstundenverbot. Für alles bekommt er Beifall. "Die Grenze der Zumutbarkeit ist erreicht", sagt einer. Auf einem Transparent steht: "Kapitalismus kaputtmachen". Dahinter steht, still und unbeachtet, "den Lebenden zur Mahnung und Verpflichtung", die Flammenschale: "Unser Opfer, unser Kampf gegen Faschismus und Krieg."

Bei all dieser Disparität hat die bürgerschaftliche Sorge um Potsdams Schönheit keineswegs erst mit den "Zugereisten" aus dem Westen begonnen. Schon im Frühjahr 1988 hatte sich um den Orgelbauer Wieland Eschenburg eine "Arbeitsgemeinschaft Umwelt und Stadtgestaltung" gebildet, die es unternahm, die arg verwilderte Gartenanlage auf dem Pfingstberg nach Maßgabe der Pläne Lennés aufzuräumen. Heute ist das Belvedere auf dem Pfingstberg, damals bloß eine Ruine, mit dem Geld der Reemtsma-Stiftung und des Unternehmers Otto wieder restauriert. Milieuüberschreitend beliebt ist Günther Jauch, der Geld in die Restaurierung des Marmorpalais und anderer Denkmäler investiert hat. Auch die Wiederherstellung der Garnisonkirche scheint ein Vorhaben zu sein, auf das sich viele unterschiedliche Kreise einigen können.

Visionsgeprägteste Stadt Europas

"Das gantze Eylandt soll ein Paradies werden", hatte Fürst Johann Moritz von Nassau-Siegen 1664 dem Großen Kurfürsten empfohlen. Die Manager der Kulturhauptstadt-Bewerbung bezeichnen das als "Vision" und wollen selbige bis 2010 "realisieren". Überhaupt sei Potsdam die "visionsgeprägteste Stadt Europas". Man verweist auf die Filmstadt Babelsberg, die noch mehr Besucher anzieht als Schloß Sanssouci, und auf den "Kulturstandort" Schiffbauergasse, wo neben diversen schon existierenden Häusern für Musik und Tanz der Neubau des Hans-Otto-Theaters entsteht. Doch solche eher erwartbaren Anstrengungen der Eventplanung hat das Paradies vermutlich weniger nötig, als daß sich das so ganz zwanglos Runde, das die Naturgestaltung hier so natürlich erscheinen läßt, auch einmal auf die soziale Welt überträgt.

   
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