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   Kulturhauptstadt Europas 2010 - Empfehlungen der Jury
 

   vorgelegt zur 309. Plenarsitzung
   der Ständigen Konferenz der Kultusminister der Länder
   in der Bundesrepublik Deutschland
   am 10. März 2005

 
   
     Kulturhauptstadt Europas 2010
Empfehlungen der Jury

Die Jury hat sich mit großer Mehrheit für zwei Städte in der Bewerbung um den Titel der Kulturhauptstadt Europas 2010 entschieden:

Essen und Görlitz

   
     Die Kultur Europas ist eine Kultur der Städte, und europäische Stadtkultur ist vielfältige Differenz. In der Reihe bisheriger europäischer Kulturhauptstädte von Athen und Florenz bis Weimar und Graz ist jede Stadt einmalig und unverwechselbar. Dasselbe gilt für die zehn deutschen Bewerber um die Europäische Kulturhauptstadt 2010. Braunschweig, Bremen, Essen/Ruhrgebiet, Görlitz, Halle an der Saale, Karlsruhe, Kassel, Lübeck, Potsdam und Regensburg sind jede für sich einzigartige Städte. Und jede wäre eine würdige Kulturhauptstadt Europas. Das hat die Aufgabe der Jury so interessant und gleichzeitig so außerordentlich schwergemacht.
   
    

Die Aufgabe wurde von der Kultusministerkonferenz wie folgt definiert:

"Zur Auswahl der von Deutschland zu benennenden Kulturhauptstadt Europas 2010 setzt die KMK eine Jury ein. Die Jury soll aus dem Kreis der zehn Bewerberstädte (Braunschweig, Bremen, Essen/Ruhrgebiet, Görlitz, Halle an der Saale, Karlsruhe, Kassel, Lübeck, Potsdam und Regensburg) rechtzeitig vor dem 309. Plenum am 10./11. März 2005 mindestens zwei, höchstens vier Städtekandidaturen vorschlagen. Die Jury erhält keine Vorgaben zur Art der Vorbereitung ihres Votums. Das Votum der Jury wird dem Bundesrat übermittelt. [...] Da das öffentliche Interesse an dieser sensiblen Angelegenheit sehr groß ist, bittet die Konferenz, im Interesse der notwendigen Transparenz alle Bewerberstädte nach von der Jury vorzulegenden Kriterien zu bewerten, so daß die Entscheidung für den Bundesrat nachvollziehbar wird."

   
    

Die Jury bestand aus folgenden Persönlichkeiten:

Isabel Pfeiffer-Poensgen (Vorsitzende), Generalsekretärin der Kulturstiftung der Länder
Prof. Dr.-Ing. Werner Durth, Technische Universität Darmstadt
György Konrád, Schriftsteller, Budapest
Waltraud Luschny, Stellvertretende Chefredakteurin von ARTE
Prof. Dr. Adolf Muschg, Präsident der Akademie der Künste, Berlin
Prof. Dr. Wieland Schmied, Präsident a.D. der Bayerischen Akademie der Schönen Künste
Prof. Dr. Walter Siebel, Carl-von-Ossietzky-Universität, Oldenburg

Die Jury traf sich zu ihrer ersten Sitzung am 8. Dezember 2004 in Berlin. Hier wurde im wesentlichen das Verfahren zur Begutachtung der zehn Bewerberstädte festgelegt. Die Jury kam dabei einstimmig zu der Entscheidung, daß nur eine gemeinsame Bereisung eine angemessene Beurteilung und Würdigung der einzelnen Kandidaturen versprach. Zwei Reisen von insgesamt fünf Tagen wurden festgelegt; die Reihenfolge der Besuche ergab sich ausschließlich aus logistischen Überlegungen. Allerdings verpflichtete die Jury sich und alle Bewerberstädte auf einen verbindlichen Ablauf der Besuche.
Zum Auftakt der ersten Reise fand am 19. Januar 2005 ein halbtägiges Treffen in der Akademie der Künste, Berlin, statt, bei dem ausführlich die anzulegenden Kriterien auf der Grundlage der entsprechenden EU-Richtlinien diskutiert wurden.

Am 20. Januar 2005 wurden die Bewerberstädte Braunschweig (mit Wolfsburg) und Halle besucht, am 21. Januar 2005 Görlitz/Zgorzelec und Potsdam. Die Jury setzte ihre Reise am 19. Februar 2005 mit dem Besuch von Lübeck und Bremen fort. Daran schlossen sich am 20. Februar 2005 Essen (mit Bochum) und Kassel sowie am 21. Februar 2005 Karlsruhe und Regensburg an.

Am 28. Februar 2005 traf die Jury zu einer weiteren Beratung in Berlin in den Räumen der Kulturstiftung der Länder zusammen.

   
    

Natürlich war sich die Jury der Kürze der jeweiligen Stadtvisiten bewußt. Doch verdichtete sich die Begegnung jedesmal zu einem bestimmenden Eindruck und hätte sich aus der gründlichen Lektüre der Bewerbungsschriften allein niemals erschließen lassen, galt es doch, aus Texten und Bildern erlebbare Räume werden zu lassen und in die Gesichter einer realen Stadt zu blicken. Dazu gehörte auch die Gegenwart ihrer Vertreter vom Oberbürgermeister bis zur ansässigen Künstlerschaft - an den meisten Orten waren auch Repräsentanten des Landes zugegen. Zum atmosphärischen Eindruck hinzu vernahm die Jury in der Fürsprache der Städtevertreter das Gewicht, das sie als Bürger der Kandidatur beimaßen, und empfand auch, wieviel und was für ihre Stadt, was für eine ganze Region dabei auf dem Spiel stand.

Das Besuchsszenario war überall dasselbe: eine halbe Stunde Präsentation des Projekts durch seine maßgeblichen Vertreter in einem repräsentativen Gebäude - es war durch¬aus nicht immer das historische Rathaus; anderthalb Stunden zu Fuß oder in Bus und Straßenbahn zu den Schlüsselpunkten und besonderen Orten des Wachstums bzw. Rückbaus der Stadt; am Ende ein einstündiges Hearing, in dem vier Repräsentanten den sieben Juroren gegenübersaßen und sich ihren Nachfragen stellten. Nach dem stets freundlichen Abschied fanden erste Jurysitzungen im Fonds des Busses statt, um die Eindrücke gemeinsam zu verarbeiten, während die nächste Bewerberstadt angesteuert wurde.

Über einen "Schönheitswettbewerb" war die Visitation schnell hinaus. In der Regel galten die Erwartungen, welche die Stadt mit dem Titel verband, nicht ihr allein, sondern einer ganzen Region, und zugleich einem urbanistischen Projekt, einer Vision ihrer Zukunft. Trotz des regelmäßig trüben Wetters zeigte der Augenschein die Vorzüge und Wunden der jeweiligen Stadt in deutlichem Licht.

Überall bekam die Jury einiges vom Subtext der Bewerbung mit, der nirgends absichtlich verschwiegen wurde; stets bezeugte es deren Ernst. Es ging immer auch um die Chance zur Entwicklung einer lebenswerten Stadt, um ihren Vorbildcharakter für die Besiedelung der "Global City", weit über "Standort"-Vorteile hinaus. Die entschei¬denden Fragen blieben gleich: Wo bleibt die Würde des Lokalen, wie bewahrt es seine Aura, seinen Sinn als Heimat ihrer Bürger in einer globalisierten Zivilisation, an der jede Stadt mitwirken muß, ohne ihr Gesicht, ihre Individualität zu verlieren? Wie bauen wir Gegenwart in die Zukunft fort, die wir immer weniger in der Hand haben; wie verwenden wir den gebauten Stoff der Vergangenheit - und ihre Lücken (und Brachen) für einen Zusammenhalt, der die Bewohner nicht zu Nomaden macht, sondern zum Bleiben verlockt, zum Da-sein ermutigt? Wie kann der zivile Rahmen für eine zunehmende Wettbewerbsgesellschaft aussehen; ein Rahmen, der nicht nur Dienst¬leistungen verbessert, sondern Lebensqualität verkörpert? Wie wird die Stadt zum Ort nachbarschaftlicher Bindungen und emotionaler Sicherheit?

Der einzige Punkt, in dem die Juroren die grundverschiedenen Stadt-Individualitäten (und diese Verschiedenheit empfanden sie als ein Glück) untereinander vergleichbar fanden, war die sich mitteilende Notwendigkeit einer Bewerbung. Damit war nicht nur gemeint, wie sehr sie den Titel (und das Label) brauchen, um Investoren und Touristen anzuziehen und sich aus der kommunalen Misere zu ziehen. Es ging auch nicht darum, was sie sich im Fall der Prämierung "leisten" könne - die Jury bemühte sich, vom Gesichtspunkt, ob eine Stadt nicht ohnehin tun müßte, was sie dank des "Hauptstadt"-Bonus eher, schneller und schöner tun könnte, bei ihrem Urteil zu abstrahieren. Im Kern sollte es darum gehen, wie ein Gemeinwesen Kultur nicht im allgemeinen, sondern für sich zu verstehen gedenkt: als Lückenbüßer und Füllstoff leerer Gebäude - oder als Konzept zur Sanierung ihrer zivilen Grundlagen und zur Entwicklung politischer Handlungsfähigkeit.

   
    

Die Jury hat jede der zehn Städte nach den Kriterien der Europäischen Union sorgfältig geprüft. Diese Kriterien sind umfassend und differenziert; sie decken fast sämtliche Aspekte städtischen Lebens und städtischer Politik ab: Die Fragen nach

- dem Beitrag der Stadt zur europäischen Kunst- und Geistesgeschichte,
- der Förderung kultureller Veranstaltungen von europaweiter Ausstrahlung und Anziehungskraft,
- der Förderung des kreativen Schaffens,
- der Beteiligung der Bürger und der Nachhaltigkeit der Bewerbung,
- der medialen Verbreitung und touristischen Wirkung der Bewerbung,
- der Förderung eines internationalen Dialoges sowie
- der Herausstellung des historischen Erbes und der Lebensqualität der Stadt.

Bei der Diskussion der zehn Städte erwies sich jede in einzelnen Kriterien als hervorragend und in anderen wiederum als schwächer. Dabei jedoch bleibt der eigentliche Reichtum dieser Bewerbungen unberücksichtigt: daß jede der zehn Städte ein besonderes Thema präsentiert, welches es verdient, im Jahr 2010 auf der europäischen Bühne verhandelt zu werden. Deshalb hat sich die Jury bei ihrer Entscheidung von der Überlegung leiten lassen, welche der zehn Städte ein Thema in den Mittelpunkt ihrer Bewerbung gestellt haben, das

- neue Fragen aufgreift,
- von europäischer Relevanz ist,
- auf absehbare Zukunft die Agenda vieler Städte in Europa bestimmen wird und
- zu dem die betreffende Stadt exemplarische und sinnlich erfahrbare Antworten zu geben fähig ist.

"Verdient" - wenn dies denn ein passendes Wort ist - hatten den Titel "Kulturhauptstadt Europas 2010" alle zehn Städte. Keine einzige betrachtete Kultur als Luxus, jede gab - hinter wettbewerbsbedingter Kosmetik - ein ernsthaftes, dabei erfindungsreiches, in jedem Fall ehrwürdiges Gesicht zu erkennen.

Alles dies vorausgesetzt, war eine Auswahl - mindestens zwei Städte, höchstens vier - für die Jury eine wahre Herausforderung, doch in der Schlußrunde zeigte sich, daß die Mitglieder in ihrem Urteil weitgehend übereinstimmten: Diese Feststellung war das für die Jury selbst am meisten überraschende Ergebnis des Fünf-Tage-Marathons. Bei den Diskussionen unterwegs hatten sich die Mitglieder der Jury noch jeder vergleichenden Wertung und expliziten Schlußfolgerung enthalten.

Zwei Bewerberstädte haben, auf der Grundlage der bereits genannten maßgeblichen Kriterien in beispielhafter Weise die Jury überzeugt: Essen und Görlitz.

Der Umbruch der Städte nach 150 Jahren industrieller Urbanisierung zu einer neuen, über die Grenzen der Stadt ausgreifenden, von Kultur- und Wissensproduktion bestimmten urbanen Lebensform steht im Mittelpunkt der Bewerbung von Essen und dem Ruhrgebiet. Die Bewerbung von Görlitz/Zgorzelec formuliert beispielhaft die Aufgaben der Versöhnung und des Zusammenwachsens Europas nach einem Jahrhundert der Kriege, Vertreibungen und Teilungen. Die Jury schlägt deshalb mit großer Mehrheit an erster Stelle Essen und an zweiter Görlitz als europäische Kulturhauptstadt 2010 vor.

   
    

"Essen für das Ruhrgebiet" beschreibt in großer Einigkeit die Bewerbung von 53 Städten um den Titel der Kulturhauptstadt Europas 2010.

Das Ruhrgebiet ist von der Industriegesellschaft geschaffen, geprägt und verbraucht worden. In den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts noch der Motor des deutschen Wirtschaftswunders, wurde es seit den sechziger Jahren zu einer der größten alten Industrieregionen des Kontinents. Heute steht es exemplarisch für die enormen ökonomischen, ökologischen, kulturellen, sozialen und städtebaulichen Probleme im Strukturwandel von der Industrie- zur Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft - aber auch für die erfolgreichen Ansätze zu deren Lösung.

Die Bewerbung Essens thematisiert diesen Umbruch, der die Entwicklung vieler Städte, auch in den neuen Mitgliedsländern der Europäischen Union, beherrschen wird, und ist infolgedessen von grenzüberschreitender Relevanz. "Essen für das Ruhrgebiet" macht deutlich, welch entscheidende Bedeutung der Kultur in diesem Prozeß zukommt und welche kulturellen Potentiale im Umgang mit den Zeugnissen der Schwerindustrie entfaltet werden können. Die Antworten, die Essen formuliert, sind nicht unmittelbar auf andere europäische Städte übertragbar, gleichwohl kann Essen als Kulturhauptstadt zum Kristallisationspunkt der europäischen Diskussion über die Rolle der Kultur im Strukturwandel werden.

"Essen für das Ruhrgebiet" will eine ganze Region kulturell umwidmen und für eine von Wissen und Kultur geprägte Zukunft erschließen, die das "Revier" definitiv hinter sich lassen muß. Die innere und äußere Dimension der Bewerbung ist mit der aller anderen Projekte unvergleichbar; ganz besonders überzeugend ist die Beteiligung der anderen, ebenso betroffenen Städte im Ruhrgebiet. Hier geht es um Sein oder Nichtsein eines Kerngebietes der industriellen Vergangenheit Deutschlands - und Europas.

Grundlage wie Ziel dieser Entwicklung ist eine kulturelle Neudefinition, die über die Bewahrung und Neubespielung bedeutender Industriedenkmäler und deren touristische Erschließung hinausgeht. Notwendig ist in diesem Fall die Bildung eines veränderten kollektiven Bewußtseins: Verödete Anlagen sollen zu Produktionsstätten eines neuen urbanen Selbstverständnisses werden, das die Region als Beispiel gelungener Modernisierung in die Zukunft tragen kann.

„Essen für das Ruhrgebiet“ als europäische Kulturhauptstadt wird die Kultur der europäischen Stadt um eine produktive Auseinandersetzung mit den Hinter¬lassenschaften der industriellen Urbanisierung erweitern. Zudem stehen das Ruhrgebiet und insbesondere Essen synonym für die deutsche Kriegsindustrie im Ersten und Zweiten Weltkrieg. „Essen für das Ruhrgebiet“ wird 2010 die Gewinne seiner Abkehr von dieser Vergangenheit unter Beweis stellen können.

   
    

Am historischen Schnittpunkt zweier großer Handelsstraßen gelegen, ist die Stadt Görlitz/Zgorzelec seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs durch die Neiße in einen polnischen und einen deutschen Teil getrennt. Die polnischen Einwohner sind fast sämtlich Vertriebene aus den ehemaligen östlichen Teilen Polens, ein Großteil der deutschen wurde aus Ostpreußen und Schlesien vertrieben. Hinzu kamen 1949 nach dem Ende des griechischen Bürgerkriegs über 14.000 Griechen.

Diese Lebensgeschichten treffen im geteilten Görlitz aufeinander, einer der schönsten Städte in Deutschland. Aber das steinerne Gedächtnis der Stadt erzählt andere Geschichten als die ihrer Bewohner: vom Reichtum der Tuchhändler zur Zeit der Renaissance und vom industriellen Aufschwung der Stadt um die Jahrhundertwende, der eine Fülle von Jugendstilbauten ermöglichte.

Gleichwohl konnte sich in Görlitz in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg ein neues bürgerliches Selbstbewußtsein entwickeln, das im Engagement gegen den Abriß der Altstadt und die sozialistische Stadtentwicklung Ausdruck fand.

Polen und Deutsche aber haben sich lange gegenseitig den Rücken zugekehrt. Die DDR hatte zu Zeiten der Solidarnosc sogar die einzige Brücke, die nach dem Krieg noch die beiden Teile der ehemals einen Stadt miteinander verband, geschlossen. Die gemeinsame Bewerbung von Görlitz und Zgorzelec greift ganz pragmatisch die durch die Osterweiterung der Europäischen Union sich eröffnenden Chancen auf, diese Spaltung zu überwinden. Angesichts der Geschichte und der gegenwärtigen Probleme der beiden Teilstädte ist dies eine Bewerbung von visionärer Kraft.

Görlitz zeugt vom Reichtum europäischer Städte, seine 1904 errichtete Synagoge vom Selbstbewußtsein jüdischer Bürger und das Schicksal seiner Bewohner vom Elend der europäischen Kriege im zwanzigsten Jahrhundert. Zugleich zeigen sich hinter den mit enormem Aufwand sanierten Häusern die harten Folgen der Transformation in den neuen Bundesländern: Arbeitslosigkeit, Abwanderung und Wohnungsleerstand. Die Ernennung der beiden Teilstädte zur europäischen Kulturhauptstadt würde verdiente Aufmerksamkeit auf einen Ort lenken, dessen Entdeckungspotential ebenso groß wie bezaubernd ist, vom Jugendstilbau bis zur vorindustriellen Schusterstube des Mystikers Jakob Böhme, heute im polnischen Teil der Stadt. Um eine Zukunft zu haben, müssen Görlitz und Zgorzelec Kultur sein. Beide Städte würden durch die Titelvergabe einen entscheidenden Schub zur Bewältigung ihrer Aufgaben erhalten und als Sinnbilder der europäischen Geschichte - wie Zukunft - sichtbar gemacht.

   
    

Als Kern eines regionalen Gefüges, in dem neben Braunschweig traditionsreiche Städte wie Goslar und Wolfenbüttel als Zeugnisse des kulturellen Reichtums dieser Landschaft zu betrachten sind, bewirbt sich die einstige herzogliche Residenzstadt in Verbindung mit der Autostadt Wolfsburg, die in der Welt nicht nur für ihre industrielle Produktion und neuen Technologien bekannt ist, sondern auch für eine innovative Kulturpolitik. Davon künden sowohl die ambitionierten Ausstellungen des Kunstmuseums wie auch die dauerhaften Bauten der Architekturavantgarde von Alvar Aalto bis Zaha Hadid.

Die bewußte Thematisierung von Differenzen in der historischen Entwicklung der Städte - der ebenso reichen wie unterschiedlichen Ablagerungen deutscher Geschichte vom Mittelalter bis in die unmittelbare Gegenwart - und deren Präsentation als regionale Besonderheit lassen eine anspruchsvolle Bewerbung erkennen, die zu vielerlei Synergien führen kann. Zugleich bieten die Wunden des Zweiten Weltkrieges stadtplanerische Herausforderungen: So harrt Braunschweigs leeres Zentrum - mit dem einstigen Platz des Schlosses - in Teilen noch immer seiner Neudefinition.

   
    

Im historisch gewachsenen Selbstbewußtsein einer Hansestadt sowie eines Stadtstaates hat Bremen die Chance eines schwierigen Strukturwandels der Wirtschaft dazu genutzt, sich als Stadt der Kultur und der Wissenschaft neu zu profilieren. Großes bürger¬schaftliches Engagement prägt die kulturelle Vielfalt der Stadt und macht sie in Verbindung mit der lebendigen Urbanität alter Wohnviertel als Einheit erlebbar, aus der zugleich die Tradition der Hansestadt spricht.

Die Stadt befindet sich in einem intensiven Reflexionsprozeß, der selbstkritisch die Frage einer neuen Standortbestimmung analysiert. Die durch den Niedergang des Hafens und der Werften begründete Spaltung der Stadt wird zunehmend von einem neuen Anspruch als Kultur- und Wissenschaftsstandort überwölbt. Sehr sinnfällig präsentiert sich die Bewerbung zur Kulturhauptstadt parallel zu diesem Prozeß als die Beschreibung eines Weges, nicht eines Zieles. Die vorgestellten Ideen zur Entwicklung des ehemaligen Hafengebiets zeigen eine interessante Perspektive.

   
    

"Wachsen durch Schrumpfen" ist das in jeder Beziehung überzeugende Motto der Bewerbung. Der enorme Bevölkerungsrückgang in Halle ist exemplarisch für viele Städte in Europa. Diesen Schrumpfungsprozeß als Chance zur Standortverbesserung zu begreifen, kann Halle darum modellhaft zu einer der ersten Adressen für Reisende aus ganz Europa machen, die sich für lebendige Stadtplanung und Stadtentwicklung interessieren.

Im Gegenüber von altem Stadtkern und der Arbeiterstadt Halle-Neustadt treten seit der Wiedervereinigung Probleme nachhaltiger Stadtentwicklung zutage, die in Halle mit Wagemut und Weitsicht angegangen werden. Die behutsame Erneuerung der Altstadt mit ihrer Ergänzung um einen innerstädtischen Campus ist ebenso beispielhaft wie der Umgang mit den Resultaten des sozialistischen Städtebaus. So ist das Zusammen¬wachsen dieser beiden so gegensätzlichen Stadtteile bereits erfolgreich eingeleitet. Zugleich gründet die Wiederfindung Halles auch in den Wurzeln von Protestantismus und Aufklärung, denen nun wiedererblühende Institutionen wie die Universität und die Franckeschen Stiftungen erwachsen sind. Hohe Aufmerksamkeit ist schließlich auch anderen lange vernachlässigten Orten wieder zuteil geworden; so zum Beispiel der Moritzburg, deren Sammlung durch einen kühnen Erweiterungsbau gekrönt werden wird.

   
     Karlsruhe bewirbt sich mit dem ebenso anspruchsvollen wie originellen Konzept, aus der Gründungsgeschichte der einstigen Residenzstadt aktuelle Themen des Zusammenhangs von Stadtkultur und Menschenrechten abzuleiten. Das Recht, die rechtsstaatliche Reflexion als verführende Kraft – ein faszinierendes Motiv. Von Fachkolloquien über öffentliche Diskurse bis hin zu gestalterischen Interventionen im städtischen Raum reicht der Bogen von Veranstaltungen, die bestens geeignet erscheinen, international Aufmerksamkeit zu finden, zumal renommierte Institutionen wie die Musikhochschule, die Hochschule für Gestaltung und das ZKM aktiv eingebunden sind. In dieser Struktur verbindet sich die Stadt des 18. Jahrhunderts mit Partnern wie Temesvar und Novi Sad. Darüber hinaus wird die kulturelle Umnutzung von Industriearchitektur weitergetrieben. Nachdem bereits das ZKM in einer ehemaligen Munitionsfabrik untergebracht ist, deuten sich neue Perspektiven in der Verwandlung des Schlachthofs an; in enger Verflechtung mit dem Alltag der Stadt werden bemerkenswerte Orte kultureller Innovation geschaffen.
   
     Die eindrucksvolle Gestaltung des großen Landschaftsraums zwischen Schloß Wilhelmshöhe und dem Auenpark an der Fulda als Erbe absolutistischer Stadtbaukunst ist Grundlage einer einprägsamen Verknüpfung kultureller Institutionen, deren historische Spannweite von der einzigartigen Kunstsammlung im Schloß bis zu den Präsentationen aktueller Kunst im Rahmen der jeweils gänzlich neu inszenierten documenta reicht. Gleichzeitig spiegeln sich im Bild der Stadt selbst exemplarisch die planerischen Leitbilder unterschiedlicher Epochen, wobei insbesondere die Resultate des Wiederaufbaus nach der fast vollständigen Zerstörung Kassels im Zweiten Weltkrieg zu einer Herausforderung für die Konzepte kulturorientierter Stadt¬entwicklung wurden, die von der Stadt Kassel programmatisch erarbeitet und teilweise bereits in gebaute Gestalt umgesetzt wurden. Kassel ist im Begriff, den Übergang von einer Stadt in der einstigen Randlage Nordhessens zu einem regionalen Schwerpunkt in der lebendigen Mitte Deutschlands erfolgreich zu bewältigen. Aus der einstigen Residenzstadt ist zudem eine moderne Universitätsstadt geworden.
   
     Die Hansestadt ist eine der Perlen Nordeuropas, die ihre alten Schönheiten trotz aller Umbrüche zu bewahren wußte. Mit großem bürgerlichen Selbstbewußtsein hat sie nicht nur ihre Selbständigkeit verteidigt, sondern sich auch ein neues Gesicht verliehen, das neben Handel und Schiffahrt nun auch die Anziehungskraft von Kultur und Tourismus zur Geltung bringt. Als Heimatstadt von Thomas Mann und Wohnort von Günter Grass profiliert sich Lübeck erfolgreich als Stadt der Literatur, die es durch grenzüber¬schreitende Projekte zu stärken gilt. Doch auch die Hanse wird hier als eine im umfassenden Sinn europäische Kraft sichtbar, die zuerst den Handelsinteressen ihrer Mitgliedsstädte diente, zugleich aber nachhaltige kulturelle Prägungen zur Folge hatte. Solche Gedächtnisstätten bergen die Ansätze vielfältiger Perspektiven, bei denen die Blickrichtung nach Skandinavien und ins Baltikum eine immer wichtigere Rolle spielen wird. Lübeck setzt damit einen interessanten Gegenpol zu den meist im Süden vermuteten Sehnsuchtsorten der europäischen Kultur. Die Vielzahl der Stiftungen ist Ausdruck eines historischen und unvermindert fortbestehenden bürgerschaftlichen Engagements für die Stadt.
   
    

Potsdam ist ein Juwel unter den deutschen Stadtlandschaften. Eine einzigartige Ansammlung sorgfältig wiederhergestellter Schlösser, Seen und Parkanlagen des gemäßigt aufgeklärten Absolutismus, bereits seit 1990 als Weltkulturerbe anerkannt, sowie idyllische Gründerzeitviertel erwarten in unmittelbarer Nähe Berlins den Besucher. Potsdam ist international bekannt als Ort der preußischen Baukultur; schon jetzt zählt die Stadt zu den Höhepunkten des Tourismus in Deutschland.

Deutsche Geschichte spiegelt sich in Zeugnissen preußischer wie russischer Militärtraditionen, im Holländischen Viertel, den Villen der Berliner Elite und im demographischen Wandel der Bevölkerung. Potsdam ist keine schrumpfende Stadt, sondern vielmehr durch seine Schönheit und die Nähe zu Berlin ein Magnet für Menschen mit kreativen Berufen. Insofern nimmt Potsdam eine ebenso verheißungsvolle wie für viele Teile Ostdeutschlands außergewöhnliche Position ein, die ihrer künftigen Entwicklung beste Voraussetzungen bietet.

   
     Zurecht wird Regensburg bald den Titel "Weltkulturerbe" tragen. Die Stadt ist ein prachtvolles Ensemble alter und neuer Werte, nicht zuletzt auch das Ergebnis einer sensibel und nachhaltig vorgehenden Stadtplanung. Besonders bemerkenswert ist die gestalterische Qualität der öffentlichen Räume der Stadt, die dem bunt gemischten Leben in den Straßen und auf den Plätzen einen fast mediterranen Charakter verleiht. Darüber hinaus bietet die Lage der Stadt an der Donau, die von hier aus bis ins Schwarze Meer schiffbar ist, Perspektiven zur Intensivierung der Kontakte zu Städten und Ländern, die mit der östlichen Erweiterung zur EU gekommen sind bzw. in den nächsten Jahren kommen werden. Die Weiterentwicklung eines zukunftsweisenden Stadtprofils ist erkennbar und wird gestärkt durch die hohe Attraktivität des Ortes für junge Leute sowie durch die Wahrnehmung der Stadt im erweiterten Donauraum.
   
    

Berlin, den 10. März 2005

Isabel Pfeiffer-Poensgen
(Vorsitzende der Jury)

   
    
 
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